Tweets von Omid Nouripour

Mittwoch, den 29. November 2017
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"Rückgrat zeigen“ lautete in der Print-FR die Überschrift von Michi Herls Kolumne am 21. November, in der er wegen der „Jamaika“-Verhandlungen hart mit den Grünen ins Gericht geht. Der FDP hingegen zollt er Beifall: Chapeau, Herr Lindner! Da kann man durchaus geteilter Meinung sein, doch man weiß ja: Michi Herl provoziert gut und gern. Also alles nicht so gemeint? Oder irgendwie anders gemeint? Omid Nouripour lässt das so nicht gelten:


Sehr geehrter Herr Herl, in der Frankfurter Rundschau  haben Sie uns Grüne als „nützliche Idioten“, „Weicheier“ und „Arschkriecher“ bezeichnet. Wir seien diejenigen gewesen, die „ohne eigene Meinung“ und „Rückgrat“ in die Sondierungen gegangen sind. In Zeiten, in denen ich im Schnitt zwei Hassmails in der Stunde bekomme, muss ich wohl Ihre Auslassungen als Teil meiner Berufsbeschreibung annehmen. Zumal Sie sich ja auch hinter der Freiheit der Satire oder einer Kunst (der großen Hetze?) verstecken können. Nur zu, Kulturschaffende dürfen alles.

Zwei Fragen habe ich dennoch an Sie: Früher gab es auf meiner Schule – wie auf jeder Schule der Welt – die Großkotze vom Pausenhof. Diese haben einen auf dicke Hose gemacht und dachten, sie wären die coolsten Typen auf unserem Planeten. Dabei waren sie ganz arme Tofuwürstchen.

Was sie stets verraten hat, war ihre hochgradig verächtliche Art, über Menschen zu sprechen. Und wenn sie Verachtung für die „Blassen“ abließen, waren sie ganz schnell bei der Verachtung für die „Schwachen“. Wohin diese Verachtung führen kann, wissen wir beide sehr gut. Diese Leute fühlten sich ja auch stets als besonders kreativ, Polemik hin, Polemik her.

Meine erste Frage lautet: Glauben Sie, in Zeiten der schnell in die Tasten gehackten Hass-Zeilen, dass Ihre Tiraden ein Beitrag zur Verbesserung der politischen Kultur in diesem Land sind, oder ist das der Trollen-Herdentrieb, dem Sie sich da hingegeben haben?

Man braucht Prinzipien – besonders dann, wenn man sich über die Rückgratlosigkeit anderer echauffiert. Wir Grüne haben uns vorgenommen, als Prinzip nicht alle halbe Stunde lautmalerisch die Klappe aufzureißen. Wenn das für Ihre messerscharfen Analyse-Fähigkeiten heißt, dass man nicht in den entscheidenden Momenten Rückgrat und Menschlichkeit zeigen kann, dann ist es wohl so. Das Leben aber zeigt: Nicht nur die Lauten schaffen es ganz nach oben (und das ist kein Wert an sich), sondern auch die Schlauen und Stillen (zu denen wir beide ja nicht gehören).

Aber kommen wir jetzt zu Ihren, ähm, nennen wir sie Tiraden gegen die Grünen: Wer nach einer Wahl wie dieser in Sondierungsgesprächen Kompromisse eingeht, hat nicht wie Sie behaupten, „keine eigene Meinung“, sondern verstanden, worum es in der Demokratie geht: nämlich ausgehend von einem demokratischen Wahlergebnis das Land zu gestalten. Wir haben Verantwortung zu tragen für unsere Demokratie und wollen nach diesem Wahlergebnis klare Verhältnisse schaffen. Wenn Sie mal eine Partei gründen, die es anders machen will, dann werden wir den Kopf schütteln, Sie aber sicher nicht mit Ihrer Fäkalien-Sprache überschütten.

Die Überheblichkeit, mit der Sie Parteien begegnen, die durch die harte Arbeit vieler engagierter Menschen politische Positionen erarbeiten und vertreten, und diese dann bestmöglich umsetzen wollen (die allermeisten von ihnen ehrenamtlich), ist eine weitere Referenz an bestimmte Jungs damals auf dem Schulhof.

Manchmal ist Desertieren ehrenvoll. Doch Politik ist kein Krieg. Sich unter Wahrung seines Heiligenscheins auf die Oppositionsbänke zu verkrümeln, ist keine Leistung, wenn die Möglichkeit besteht, eine andere Politik zu machen, eine Politik, die unser Klima retten und Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien verhindern kann. Aber bei diesem Thema sind Sie ganz nah bei Ihrem großen Zwillingsbruder Christian Lindner, der sich 2011 schon einmal aus dem Staub gemacht hat, als der Gegenwind für die FDP auf bundespolitischer Bühne zum Orkan wurde.

Sie schreiben es: „Rückgrat zeigen ist die Devise. Und zwar kompromisslos.“ Das führt mich zu meiner zweiten Frage: Verehren Sie eher Autokraten oder Dogmatiker? Diese beiden Gruppen sind nämlich die einzigen, die Kompromisslosigkeit als etwas Großartiges darstellen wollen. Wer Kompromisse so rücksichtslos kompromittiert, der stärkt nicht nur die puren Wutbürger, der legt auch die Axt an die politische Kultur dieses Landes.

Sie meinen, dieses „kompromisslose Rückgrat“ hätte uns die SPD vorgemacht. Ich muss ausnahmsweise mal die arme SPD in Schutz nehmen. Nachdem sie sich nach der Wahl nicht schnell genug in die Büsche schlagen konnte, wackelt sie jetzt beim Thema GroKo wie der Milchzahn eines Sechsjährigen. Und das ist auch gut so, denn verantwortungsvolle Parteien müssen bereit sein, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn sie nicht immer bequem ist.

Kompromisse sind nicht per se ein Armutszeugnis. Ohne Kompromisse hätten wir keinen unserer Grünen-Erfolge feiern können: Weder den Atomausstieg noch das Zuwanderungsgesetz, die Gleichstellung homosexueller Paare oder das Gewaltschutzgesetz. Es gibt bei all diesen Themen noch viel zu tun, aber ohne Kompromisse wären wir noch immer im Jahr 1977. Wollen Sie dahin zurück? Damals gab es keine Grünen, und Sie waren auf dem Schulhof.

Mein Umgang mit den oben genannten Jungs war, auf dem Pausenhof über den Weltfrieden zu dozieren oder mit meiner Freundin rumzuknutschen. Hat entspannt – nachhaltig.

 

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