Tweets von Omid Nouripour

Freitag, den 18. Mai 2012
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Die Diskussion über die doppelte Staatsbürgerschaft hat in Deutschland etwas von schlechten Rap-Battles, so Omid Nouripour in einem Beitrag für MiGAZIN.de. Eloquent kickt die eine Seite These um These „ihre Rhymes“, worauf die andere Seite mit schlechten Kontern vor lauter Paranoia Fracksausen bekommt.

Von Omid Nouripour

Zuerst und der Thesen-Chronologie nach: Ja, ich besitze sie beide! Zwei Pässe! Ich kann nicht anders. Es ist wie die Liebe zu Vater und Mutter, nur das der Vater in diesem Falle Menschen quasi von Geburt an nicht ausbürgert. Punkt.

Gerate ich jetzt dadurch als Volksvertreter in einen Konflikt? Bleibe ich dem Grundgesetz nicht mehr loyal gegenüber, wenn ich alleine und ungestört zu schlechter persischer Exilanten-Musik aus Kalifornien in meinen eigenen vier Wänden tanze und später im Bundestag über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan abstimme?

Die Gegenargumente, die ich meist auf genau solch schlechten Rap-Battles höre, sind auf beiden Seiten der Peinlichkeitsgrenzen vorzufinden. MC Erika (Steinbach), im Zeichen Axt-Anlegerin an die Deutsch-Polnische-Freundschaft, stach neulich erst wieder heraus. Die Entscheidung zwischen Ehefrau und Affäre, sei für einen Mann schwieriger zu entscheiden, als die zwischen zwei Pässen. Wo ist das Ehe-Verständnis der Konservativen nur hingekommen?! Ein weiteres Mosaikstück in dem Bild der Argumentationslosigkeit vieler Gegner der Doppelten Staatsbürgerschaft.

Abgesehen von der Loyalitätsparanoia und Emotionalität dieser schlechten Argumente: Kann sich unsere Wirtschaft überhaupt diese Diskussion leisten? Wie produktiv ist diese Diskussion für unsere Stellung auf dem Weltmarkt, wenn wir Fachkräfte bzw. Menschen mit einem komplementären Erfahrungshorizont „bitten“ ihre Identität abzulegen bevor sie in unser Land kommen? Länder wie Kanada bieten genau diesen Fachkräften als erstes einen Pass an. Nicht etwa bloß um ihrer Willkommenskultur gerecht zu werden, sondern auch um die Menschen dadurch an das eigene Land und damit an die eigene Wirtschaft zu binden. Die Chance auf Mehrstaatlichkeit ist hier ein entscheidender Faktor zur Wahl der neuen Heimat.

Im Übrigen: Falls Sie als „Migrant“ mit oder ohne Doppelpass, weder MC noch Volksvertreter werden wollen, sondern den diplomatischen Dienst anstreben, sollten sie vorher eines wissen: Es ist Voraussetzung, eine Erklärung zu unterzeichnen, sich niemals als Diplomat in ihr Geburtsland oder das Land ihrer Eltern versetzen zu lassen. Es könnte zu Loyalitätskonflikten kommen! Die positiven Erfahrungswerte der Briten und ihrer indisch stämmigen Diplomaten in Indien (bereits seit dem 19. Jahrhundert wohlgemerkt!) wurden paranoider weise nicht berücksichtigt. Und falls Sie Chinesisch können und in der Wirtschaft bei einem großen Unternehmen landen, werden sie sich bestimmt dagegen wehren müssen, nicht nach China versetzt zu werden.

Leider kann ich nicht auf chinesisch rappen, auch nicht auf türkisch. Jedoch weiß ich, das „Vaterland“ auf türkisch „Mutterland“ („Anavatan“) bedeutet. Die Geschichte des Verbotes der Mehrstaatlichkeit ist also wie die Frage nach der Liebe zu Vater oder Mutter. Wen von den beiden wollen Sie denn eigentlich lieben, auf wen wollen Sie verzichten?

> Den Beitrag lesen auf migazin.de

 

 

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