Tweets von Omid Nouripour

Dienstag, den 03. April 2012
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466px-Eintracht_Frankfurt_Logo.svgNach der Gründung des ersten Fan-Clubs im Bundestag für die Eintracht Frankfurt räumt Omid Nouripour im FAZ-Interview mit einer weit verbreiteten Unwahrheit auf: "Wir sind kein Zweitligist, das ist doch eine Lüge der Medien". Das Interview mit der Frankfurter Allgemeinen im Wortlaut:

Tragen Sie auch im Bundestag die Eintracht-Krawatte - oder nur wegen des Interviews?

Nein, nein. Die trage ich auch im Plenum. Da gibt es auch Fotos bei Facebook davon.

Welche Reaktionen ruft es hervor, wenn Ihre Kollegen den kleinen Eintracht-Adler darauf entdecken?

Im Plenum lachen die meisten darüber. Oder sie solidarisieren sich - aber nur diejenigen, die Ahnung vom Fußball haben. Auf Facebook melden sich in der Regel nur die Wissenden, die freuen sich und finden es gut, dass der Adler überall ist. Und hier im Bundestag ist der Adler sowieso immer riesengroß über uns. Aber es gibt natürlich auch Leute, die sagen so unqualifizierte Dinge wie: Hannover ist auch nett. Aber das muss man nicht ernst nehmen.

Wo haben Sie das gute Stück denn her?

Aus dem Fanshop, davon gibt es zwei Varianten. Das ist die weniger schöne, aber die andere habe ich auch.

Was kostet das Eintracht-Bekenntnis am Hals?

Weiß ich nicht mehr so ganz genau, die Krawatten habe ich schon ein paar Jahre, so zwanzig, dreißig Euro. Also schon ein teures Stück.

Wie kommt es, dass ausgerechnet ein Zweitligaklub nun den ersten Fanklub im Bundestag stellt?

Adler sind wie immer Pioniere, wir sind die Ersten und die Besten. Es gab einen Haufen Kollegen im Bundestag, die sich jetzt gemeldet haben und sagen: „Das machen wir auch.“ Aber da geht es um Vereine, deren Namen ich nicht aussprechen kann, aber Nachahmungen wird es sicher geben. Außerdem sind wir überhaupt kein Zweitligist, das ist doch eine Lüge der Medien. Es ist eine Binsenweisheit, dass die Eintracht in die erste Liga gehört. Wir sind eines der Gründungsmitglieder der Bundesliga, da gehören wir hin, da werden wir auch wieder sein. Es gibt die bekannte Songzeile: „Nie mehr zweite Liga - ein einziger Schrei.“ Dem ist nur noch eines hinzuzufügen: Es gibt eine einzige verlässliche mathematische Größe in der deutschen Geschichte. Die Eintracht gründet sich und wird alle sechzig Jahre Meister. Und wenn wir 2019 den Sollplan erfüllen wollen, müssen wir auch langsam wieder aufsteigen.

Als Sie im Alter von 13 Jahren von Teheran nach Frankfurt kamen: Haben Sie die Fußball-Leidenschaft mitgebracht, oder hat sie erst die Eintracht geweckt?

Mein Leben ist eine Geschichte von vielen schlimmen Verirrungen. Im Iran war ich Fan von Bayern München. Im Iran kannte man auch keinen anderen deutschen Verein, das war halt so. Die Bayern haben so viel Geld, dass sie die Medien auch im Iran gekauft haben, die haben über keinen anderen Klub berichtet. Ich kannte nur Karl-Heinz Rummenigge. In Deutschland habe ich dann schnell gemerkt, dass das mit den Bayern keine gute Idee ist. Aber Fußball spiele ich, seit ich laufen kann, jetzt aber nicht mehr so richtig. Das sieht man auch (bestellt sich ein Schnitzel).

Wie hoch ist eigentlich die Frauenquote in Ihrem Fanklub?

Es gibt eine Frau bei uns. Eine Dame, die ich meiner eigenen Klientel aber eigentlich nicht vermitteln kann: Erika Steinbach. Ich habe sofort viele Twitter-Einträge und SMS bekommen, wie ich dazu käme, mit Erika Steinbach, die für eine systematische Zerstörung des Aussöhnungsprozesses mit Polen steht, einen Fanklub zu gründen. Die Antwort, die ich darauf geben kann, ist ein Zitat des größten Philosophen des 20. Jahrhunderts, Diego Maradona: „Der Fußball bleibt unbefleckt.“

Darf eigentlich auch Daniel Cohn-Bendit bei Ihnen als Eintracht-Fan und Europa-Parlamentarier Mitglied werden - oder geht das nicht, weil er sich bei der Wahl des Frankfurter Oberbürgermeisters ausdrücklich für den SPD-Kandidaten Peter Feldmann stark gemacht hat?

Wenn Frau Steinbach bei uns Mitglied werden kann, dann brauchen wir über andere wegen politischen Gründen nicht reden. In die Satzung haben wir aber geschrieben, dass nur jetzige oder ehemalige Bundestagsabgeordnete und Mitarbeiter Mitglied werden dürfen. Wir haben aber mittlerweile relativ viele Anfragen von Leuten, die diese Kriterien nicht erfüllen. Darüber müssen wir im Vorstand reden. Wir sind doch ein deutscher Verein und gehen ganz korrekt mit der Satzung um.

Was kann die Eintracht denn nun von ihrem neuen Fanklub im Bundestag erwarten?

Bedingungslose Solidarität. Wir sind hier Multiplikatoren und schauen auf die Belange des Vereins und der AG. Es gibt natürlich graduelle Unterschiede in der Ausprägung der Leidenschaft, aber der Verein kann sich darauf verlassen, dass wir die notwendigen Debatten anzetteln und auch führen werden.

Und welche Debatte wollen Sie führen?

Ich mache mir am meisten Sorgen darüber, wie die Debatte über die Fankultur geführt wird. Keine Frage: Es gibt Regeln und Gesetze. Aber wenn ich mir Videos von Fußballspielen noch aus den neunziger Jahren anschaue, bei denen die Kommentatoren voller Bewunderung von der herrlichen Wand des bengalischen Feuers sprechen, dann finde ich die jetzige Debatte um Pyrotechnik hysterisch. Klar ist: Es darf niemand bedroht werden. Leuchtspur geht nicht. Es kann nicht angehen, dass Raketen in die Fankurve des Gegners geschossen werden. Es gibt vieles, was nicht in Ordnung ist. Aber die Grunddebatte prägt ein Touch von Kriminalisierung. Wir sollten mehr über Sicherheitsmaßnahmen und -auflagen reden statt über pauschale Verbote. Manchmal habe ich schon das Gefühl, dass Fußballfans keine richtige Lobby haben. Sie werden nicht gleich behandelt wie andere Gruppen, wenn es um ihre Bürgerrechte geht. Wenn ein Polizist bei einer Demonstration in die Luft schießt, dann kommt sofort die Frage nach der Verhältnismäßigkeit auf. Das hat grundsätzlich ein politisches Nachspiel. Nach einem Fußballspiel aber heißt es sofort: Die Fans sind halt alles Chaoten und Kriminelle.

> Das Interview lesen auf faz.net

 

 

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