Tweets von Omid Nouripour

flickr_asthmatic_by_nc_sh_2_0Der Bundestag berät heute in erster Lesung über eine Änderung der Regelungen zur Organspende in Deutschland. Abgeordnete aller im Bundestag vertretenen Fraktionen haben sich darauf verständigt, ein Modell zur "Entscheidungslösung" einzuführen, um so die Zahl der Organspender in Deutschland zu erhöhen. Omid Nouripour, der den Gesetzentwurf ebenfalls unterstützt, beschreibt in einem gestern in der Fuldaer Zeitung erschienen Beitrag, warum er es für wichtig hält Aufklärung zu stärken und gleichzeitig auf freiwillige Entscheidungen zu setzen.

Von Omid Nouripour

Am morgigen Donnerstag berät der Bundestag in erster Lesung über eine Neuregelung der Organtransplantation in Deutschland. Wie auch sonst in grundlegenden ethischen Fragen guter Brauch, ist der sogenannte „Fraktionszwang“ aufgehoben und allen Abgeordneten steht frei, sich nach ihrem Gewissen zu positionieren.

In Deutschland gilt für die Organspende derzeit die so genannte „erweiterte Zustimmungslösung“. Eine Organentnahme nach dem Tod ist dann möglich, wenn die Spenderin oder der Spender zu Lebzeiten selbst eine schriftliche Einwilligung dazu gegeben hat, oder wenn nach Eintritt des Todes die oder der nächste Angehörige der Organentnahme aufgrund des mutmaßlichen Willens des Spenders zustimmt.

Der nun vorgelegte Gesetzentwurf schlägt eine Neuregelung vor, die als „Entscheidungslösung“ bezeichnet wird. Oberstes Ziel ist, die Aufklärung zum Thema zu verbessern und den Menschen damit die Entscheidung für einen Organspendepass zu erleichtern. Daher sollen die Krankenversicherten künftig alle fünf Jahre einen Brief mit Informationen und Hinweisen zu Beratungsangeboten erhalten. Sie werden gleichzeitig aufgefordert, eine Erklärung zur Organ- und Gewebespende abzugeben.

Meiner Fraktion und mir persönlich ist hierbei wichtig, dass die Abgabe einer solchen Erklärung nicht erzwungen werden kann. Sie bleibt freiwillig. Die Aufklärung und Beratung muss ergebnisoffen gestaltet sein und gleichzeitig die gesamte Tragweite einer Entscheidung aufzeigen.

Doch erreichen wir mit einer solchen offenen Entscheidungslösung tatsächlich das gemeinsam verfolgte Ziel, die Zahl der Organspenderinnen und -spender in Deutschland deutlich zu erhöhen? Diese Frage wurde vor allem von denjenigen gestellt, die für eine sogenannte „Widerspruchslösung“ eingetreten sind. Sie schlugen vor, dass grundsätzlich alle als Organspender gelten, es sei denn, sie widersprechen dem ausdrücklich zu Lebzeiten.

Eine solche Widerspruchslösung gibt es bereits in einigen europäischen Ländern wie beispielsweise in Spanien, Italien, Luxemburg, Österreich und Polen. Internationale Statistiken zeigen zwar, dass die Organspenderzahlen in diesen Ländern oft höher sind als in Deutschland, aber nicht in allen. Auch gibt es kein Land, in dem es keine Warteliste schwer kranker Menschen gibt, die dringend auf ein Spenderorgan warten.

In Deutschland ist die Zahl der Organspenden von 2002 bis 2010 um über 30 Prozent gestiegen. Ursache dafür ist eine bessere Informations- und Aufklärungsarbeit. Auch jenseits gesetzlicher Regelungen gibt es weitere Faktoren, die die Zahl der Organspenden erhöhen können. So zeigt das Beispiel Spanien, wie wichtig funktionierende Strukturen in den Kliniken, ein gutes Meldewesen und beispielsweise Transplantationsbeauftragte sind. In Deutschland kommt bislang nur etwa die Hälfte der Kliniken ihrer Meldepflicht für eine Transplantation geeigneter Organe nach. Hier besteht deutlicher Nachholbedarf, der ebenfalls in dem vorgelegten Gesetzentwurf aufgegriffen wird.

Es ist mehr als verständlich, dass gerade die Betroffenen und ihre Angehörigen sich wünschen, mit einer einfachen Widerspruchslösung könne die Zahl der Organspenden schnell und deutlich erhöht werden. Doch die Praxis zeigt, dass solche einfach erscheinenden Lösungsansätze oft nicht die gewünschte Wirkung zeigen.

Der Gesetzgeber ist in der Pflicht, sehr sorgsam mit Eingriffen in das Selbstbestimmungsrecht jeder und jedes Einzelnen umzugehen. Sowohl eine Regelung nach dem Prinzip „wer schweigt, stimmt zu“, also auch eine Entscheidungspflicht in einer so persönlichen Frage wie der Organspende ist aus meiner Sicht ein zu erheblicher Eingriff und daher nicht sinnvoll. Auch scheint mir fraglich ob ein Zwangsinstrument das Vertrauen in die Organspende und die Bereitschaft dazu, sich offen und intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen, tatsächlich erhöht. Daher denke ich, dass wir mit der nun vorgelegten „Entscheidungslösung“ auf einem guten und hoffentlich auch im Sinne der Betroffenen wirksamen Weg sind.

> Mehr Nachrichten auf fuldaerzeitung.de

> Den Gesetzentwurf zur Regelung der Entscheidungslösung im Transplantationsgesetz lesen auf bundestag.de (PDF)

Bild: asthmatic via Flickr, CC BY-NC-SH 2.0



 

 

Kommentar-Funktion verbergen

Antispam Bild aktualisieren