Tweets von Omid Nouripour

Omid Nouripour zur Türkei-Politik der Bundesregierung, Integration und Deutschlandfahnen zur EM in einem Interview mit Ulrike Ruppel in der BZ-Berlin:

Ulrike Ruppel: Seit der Armenien-Resolution hagelt es wütende Reaktionen aus Ankara. Was tun?
Omid Nouripour: Wir sollten ruhig bleiben und Ankara wissen lassen, dass wir Kooperation wollen, aber nicht bereit sind, alles hinzunehmen. Da ist mir die Bundesregierung zu zahm. Es war ihr Riesen-Fehler, Erdogan beim Umgang mit Flüchtlingen, Oppositionellen und Journalisten so viel durchgehen zu lassen. Das hat ihn ermutigt, unsere Grenzen immer weiter auszutesten.

Jetzt ist es, wie es ist. Was tun?
Nicht provozieren lassen und klar bei unserer Haltung bleiben! Erdogan weiß, dass er uns braucht, so wie wir die Türkei brauchen. Und wir müssen das Gespräch mit der türkischen Opposition und Zivilgesellschaft suchen. Das sind unsere Verbündeten.

Machen die türkisch-islamischen Verbände und Imame in Deutschland genug?
Manche ja, viele andere leider nicht. Aber ein Vorwurf geht an uns selbst – weil wir es jahrzehntelang versäumt haben, die Voraussetzungen zu schaffen, dass die muslimischen Gemeinden eine Art „Kirchensteuer“ erheben können. Dann wären sie nicht mehr angewiesen auf Gelder aus Riad, Teheran oder Ankara, an dessen Tropf viele Gemeinden hängen. Es wird höchste Zeit, dass wir diesen Fehler korrigieren.

Sie sind Muslim. Aber man hört, Sie trinken auch mal ein Bier.
Ja, das kommt vor – auch Äppelwoi. Am Ende ist das, was meine Religion ausmacht, ein Vertrag zwischen meinem Gott und mir und geht niemanden etwas an. Genauso kommt mein Gott damit klar, dass es hier irdische Gesetze gibt, an die ich mich zu halten habe.

Der Islam drängt immer mehr in den öffentlichen Raum und in die Debatte. Macht Ihnen das Sorge?
Dass der Islam jetzt öffentlich sichtbarer ist – und nicht nur in den Hinterhöfen – ist doch okay. Mir macht eher Sorgen, dass viele Menschen weltweit mit der Realität der Globalisierung nicht zurechtkommen und sich deshalb geistig abschotten. Das gilt für die Leute, die jeden Montag in Dresden demonstrieren und eine Republik zurückfordern, die es nie gegeben hat. Das gilt aber auch für manche Muslime, die leider den Fanatikern mit den viel zu einfachen Antworten hinterherrennen.

Wo wir bei Pegida sind: Ist Deutschland rassistischer geworden?
Nein. Deutschland ist ein großartiges weltoffenes Land. Es gibt nur Leute, die immer schon Rassisten waren und jetzt eine deutlich niedrigere Hemmschwelle haben, darüber zu reden. Da sind Schleusen geöffnet worden. Ein gravierendes Ereignis in diesem Zusammenhang war das erste Buch von Thilo Sarrazin.

Was sagen Sie zu Gaulands Boateng-Entgleisung?
Ich war vollkommen empört. Aber dann habe ich beschlossen, mich nicht mehr mit jedem Satz und mit jedem Af-Deppen auseinanderzusetzen. Ich käme ja zu nichts anderem mehr! Viele dieser Leute leben in einer Blase und haben ein geschlossenes Weltbild. Da dringt man mit Argumenten nicht durch.

Haben Sie Rassismus erlebt?
Ich kam mit 13 Jahren aus dem Iran nach Frankfurt, lernte Deutsch und – noch wichtiger – Hessisch. Ich habe Abitur gemacht und hielt mich für ein Kronjuwel der Integration. Und dann ging es 1999 richtig los, als Roland Koch mit einer Anti-Doppelpass-Kampagne Landtagswahlkampf machte. Ganz viele Leute wollten plötzlich gegen Ausländer unterschreiben. Deshalb sage ich auch: Rassismus ist nicht neu. Aktuell ist er nur wieder sehr sichtbar. Früher bekam ich sechs Hass-Mails im Monat, heute zehn am Tag. Da sind aber auch Zuschriften von Islamisten und türkischen Nationalisten dabei.

Was hat Sie in die Politik geführt?
1994 habe ich im Fernsehen Cem Özdemir gesehen. Da wurde mir klar, dass man nicht Karl-Heinz heißen muss, um in eine deutsche Partei zu gehen. 1996 wurde ich Mitglied der Grünen. Aber so richtig eingestiegen bin ich erst während der Koch-Kampagne. Frankfurt war doch meine Heimat, und jetzt sollte das nicht mehr sein? Insofern kann man sagen: Wenn ich Karl-Heinz geheißen hätte, wäre ich kaum Politiker geworden. Ausländerpolitik habe ich im Bundestag aber nie gemacht.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Integrationsphase?
Ich hatte mehrfach Glück. Meine Eltern besaßen in Frankfurt schon früher eine Ferienwohnung. Daher kannte ich die Stadt. Aber das Beste war, dass ich sofort supertolle Freunde gefunden habe, die mein Deutsch selbstverständlich korrigierten ohne mich dabei auszulachen. Sie haben mich ernst genommen. Ab da ging es gut und schnell, die Sprache ist der Schlüssel zu allem. Aber für meine Eltern war es hart ohne einen solchen Freundeskreis.

Sie sind Eintracht-Fan. Wo sehen Sie EM?
Wichtige Spiele sehe ich am liebsten alleine – bei geschlossener Tür und weit weg von zerbrechlichen Gegenständen. Eine schlimme Tortur war das Relegationsspiel von Eintracht Frankfurt. Ich war im US-Außenministerium in Washington, linste immer mal wieder aufs Handy. Später im Hotelzimmer musste ich mich schwer zusammenreißen – die Leute sollen ja nicht denken, Mötley Crüe sei da gewesen. Ich bin da, sagen wir mal, lebhaft.

Darf ein Grüner bei der EM Deutschland-Fahnen schwenken?
Also, ich mach‘ das, und ich kenne auch viel andere, die das machen. Schließlich haben wir eine großartige Mannschaft. Nicht nur wegen Boateng und Özil, aber auch. 

 

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